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Viviane Eisold

Auszug aus Käte, Wolle und der Wind (ab 8)

Auszug aus Die Augen der Unke (ab 12)

Auszug aus Vogel sein. Roman

 

Auszug aus Käte, Wolle und der Wind (ab 8)

Als sie allein ist, lässt Katerina sich auf die Matratze fallen und beißt ins Kissen. Sie beutelt es zwischen den Zähnen hin und her. Manchmal hilft das, den roten Zorn loszuwerden. Soll sie sich nächstes Mal doch auf der Stiege langlegen, die Frau Channa. Katerina wird sich ganz bestimmt nicht mehr vor Hilfsbereitschaft verrenken. Wütend schlägt sie mit den Schienbeinen auf die Matratze ein.
   In diesem Moment wird die Tür aufgerissen. Jemand sagt: „Oh...“ Im nächsten Moment liegt er schon auf der Matratze Katerina gegenüber. „Machst du das
öfter?“
   Katerina lässt das Kissen aus den Zähnen fallen.
   „Servus, ich bin Wolle“, sagt der Junge. „Channa hat mir gesagt, dass du schon oben bist. Da dachte ich mir, ich schau mal vorbei.“
   Wolle trägt eine Brille, die so staubig ist, dass Katerina sich fragt, wie er überhaupt irgendwas sehen kann.
   „Höllenfrostige Bude, oder?“
   Er hat dunkle Haut und schwarze afrikanische
Haare. Irgendwie hat Katerina das Gefühl, dass er nicht echt ist. Vielleicht träumt sie. Vorhin im Zug ist sie schließlich auch eingeschlafen.
   „Du heißt Katherina?“, fragt Wolle.
   Katerina nickt.
   „Schreibt man das mit h?“
   Katerina schüttelt den Kopf.
   Wolle malt mit dem Zeigefinger Buchstaben in die Luft. Innen sind seine Hände ganz hell. Er starrt auf das in die Luft Geschriebene, als stünde da wirklich was. Jeden Buchstaben tippt er einzeln an: K-A-T-E-R-I-N-A. „Siehst du das?“, fragt er. „Da steht KATER INA. Das ist aber ein komischer Name. Wie müsste ich denn dann heißen?“ Er wirft sich auf den Rücken und starrt an die Decke, als gäbe es da was zu sehen. „Wölfin Gang oder so.“ Sofort rollt er sich wieder zur Seite und stützt sein Kinn in die Hand. „Du solltest überlegen, ob du dich in Katze Ina umtaufen lässt.“
   Katerina will was sagen, aber aus ihrem Mund kommt nur ein „Pfff...“
   Wolle plaudert unbeirrt weiter: „Andererseits könnte man auch Mieze Ina sagen. Oder Miezina? Vielleicht Mizzerl. Aber dann glauben alle, dass du Maria heißt. Einfach nur Ina? Nein, dann lieber Katinka. So nennt dich Natalja, stimmts?“ Er sieht sie an. „Aber irgendwie ist das zu niedlich für dich. Kat... Kat...“ Wolle kneift die Augen zusammen. Plötzlich ruft er: „Ich hab’s: Käte!“
   Katerina fährt auf und stößt sich an der schrägen Wand. Der Schmerz rast in ihre Schulter und von da aus in den Arm. Daran ist nur dieser dämliche Wolle Schuld. „Du hast ja einen Huscher!“, faucht sie ihn an. „Wenn du mich Käte nennst, nenne ich dich
Stolle!“
   „Volle Badewanne kirschgrün“, sagt Wolle und schiebt mit einem Finger seine Brille auf der Nase zurecht. „Aber Knolle würde mir noch besser
gefallen.“
   „Du brauchst mich überhaupt nicht nennen, ich rede nicht mit dir“, zischt Katerina, greift sich ihre Tasche und fängt an, auszupacken. Das heißt, sie reißt ein Sommerkleid nach dem anderen heraus und wirft es auf ihre Matratze.
   „Hast du nur Kleider mit?“, fragt der Junge.
   „Das geht dich nichts an.“
   „Du hast mit mir geredet“, jubelt Wolle.
   „Habe ich nicht“, erwidert Katerina.
   „Hast du doch.“
   Katerina hebt ihr Kissen und wirft es in Wolle an den Kopf. „Du kannst mich mal!“
   „Was kann ich dich denn mal? Kann ich dich mal, zum Beispiel, was fragen? So was vielleicht: Könnte es sein, dass du eine Hose brauchst? Ich würde dir eine von mir borgen.“
   Katerina will die Tür von der kleinen Kommode aufreißen, um ihre Kleider hineinzustopfen.
   „Die Tür klemmt schon seit Jahren“, sagt Wolle.
   Katerina rüttelt und zerrt. Die ganze Kommode
wackelt, aber ansonsten tut sich nichts.
   „Hör auf“, sagt Wolle, „sonst weckst du den
Geist.“
   Katerina stemmt ihre Hände in die Hüften, wie es ihre Mamutsch manchmal tut. Sie hofft, dass sehr viel Verachtung in ihrem Blick liegt: „So was Blödes habe ich ja überhaupt noch nie gehört. Wie alt bist du, dass du an Gespenster glaubst?“
   „Zehn“, antwortet Wolle. „Und du?“
   „Neun. Aber an Geister glaube ich schon lange nicht mehr.“
   „Es gibt wirklich einen“, behauptet Wolle. Er sieht auf einmal ganz ernst aus. Jetzt erkennt Katerina durch Wolles verstaubte Brillengläser, dass er leicht schielt. „Die meiste Zeit ist es still in der Kommode“, sagt er. „Aber manchmal, wenn es gewittert oder wenn im Winter Schnee vom Dach kracht, dann wacht der Geist auf und heult leise.“
   „Du hast wohl Schiss“, erwidert Katerina. Mit aller Wucht tritt sie gegen die Kommode, dass es nur so donnert.
   Wolle runzelt seine Stirn und sagt leise: „Wir werden noch sehen, wer Schiss hat.“

 

 

Auszug aus Augen der Unke (ab 12)

Nell blies sich ihre Locken aus der Stirn. „Bla bla bla, die ganze Zeit. Ich kann nicht aufhören zu
reden. Bla bla bla. Mach irgendwas, damit ich aufhören kann. Mach was, Merle!“
   Unter Merles Füßen schwankte nicht mehr nur der
Boden, sondern sie hatte keine Füße mehr. Ihre Füße, ihre Beine hatten sich in ein einziges Kribbeln aufgelöst, in Millionen von schwirrenden Insekten oder so was. Eigentlich musste sie jeden Moment einfach umfallen, dachte sie, oder zusammensacken.
   „Was soll ich denn machen?“
   Bis zu Nells Antwort verging eine Ewigkeit, in der Merle alle möglichen körperlichen Zustände durchlief – Frieren wie im eisigsten Winter, Schwitzen wie unter glühender Sonne, Zittern vor Angst, Zittern vor Aufregung. Oder war das alles in einem? War es nur der Bruchteil einer Sekunde, der verging, bis Nell sagte:
   „Mich küssen?“ Dabei sah sie Merle an wie während der Rumba bei Monsieur Schönling. Stand einfach da, sah Merle an und wartete.
   „Du kannst mir auch eine knallen“, sagte Nell, „wenn das jetzt ganz schlimm war, was ich gesagt
habe. Dann vergessen wir einfach alles und ich zeige dir einen Birkhahn. Nur mach irgendwas. Bitte!“
   Dieses nachgesetzte „Bitte“ klang so schwach und flehend, dass es Merle durch den ganzen Körper rieselte. Es war nur ein Schritt bis zu Nell. Aber sie hatte das Gefühl, dass sie zu wenig Kraft hatte für diesen einen Schritt.
   Da fühlte sie ihre Hände genommen von Nells
Händen. Ihre Beine, die bislang immerhin noch aus diesem seltsamen Wirbeln bestanden hatten, schienen sich jetzt vollständig aufzulösen. Und so schwebte sie einfach diesen einen, letzten Schritt auf Nell
zu, die sie an den Händen zu sich zog.
   Als ihre Lippen sich berührten, spürte Merle, wie die ganze Welt sich auf diesen einen Punkt zusammenzog. Die Erde mit ihren Ozeanen und Kontinenten, mit ihren Milliarden und Abermilliarden Lebewesen, inmitten eines unendlichen Weltalls mit einer unendlichen Zahl an Sternen, Planeten, Sonnensystemen, war nur noch dort zu finden, wo Nell gerade Merle und wo Merle Nell zu küssen begann.
   In dem Augenblick, in dem Merle klar wurde, dass mit diesem Kuss kein eiserner Vorhang fallen würde, explodierte die winzig gewordene Welt in einem Feuerwerk von Berührungen und Küssen wieder zu ihrer wirklichen, riesigen, unfassbaren Größe. Merle und Nell wurden mitgerissen in diesem Strudel. Aber sie hielten einander umklammert mit Händen und Beinen und Füßen und mit ihren Lippen, bis Merle nicht mehr wusste, wo sie selbst aufhörte und wo Nell, wo Ellinor begann.
   Es war längst Nacht, als Merle die Welt um sich herum wieder wahrzunehmen begann. Die Wucht des Urknalls hatte nachgelassen. Jetzt trieben sie langsam dahin unter einem Himmel, der nicht ganz sternenklar war. Hin und wieder segelte eine Wolke am Mond vorbei und verdeckte ihn, nur um dabei selber zu leuchten zu beginnen. Das Gras, in dem sie lagen, kitzelte und stach, aber es war noch wunderbar sommerwarm. Merles Nase berührte Ellinors Oberarm. Die Haut dort duftete nach Sonne und Blumen, nach Himbeeren und Erde. Etwas besseres hatte Merle nie zuvor gerochen. Sie liebte diesen Duft.
   Sie liebte dieses Gras. Sie liebte sogar die kleinen Spinnen, die über ihre Beine krabbelten. Sie liebte den Windhauch, der über das Gras hinweg ging. Sie liebte den Himmel, der sich über ihnen wölbte. Sie liebte diesen Ort, diese hügelige Landschaft und die kleine Stadt. Sie liebte den Bürgermeister, der sich so um das Camp bemühte. Sie liebte das Camp, sie liebte Jasmin, Katja und Caroline, die drei Grazien, Tabea, Johnnie und Anne, Isabelle, Markus, Hans, Daniela, Nadine, Jafari, Jo, die Pantomime, Laura, sogar die verrückte Fratzen-Clique und natürlich
Emmi, sie liebte ihren Bruder und ihre Eltern, die Schule und alles, was damit zusammenhing, sie liebte den Fluss hinterm Haus, ihr Zuhause, sie liebte den Rotensee, die Augen der Gelbbauchunken, und bestimmt auch Birkhühner. Sie liebte, liebte, liebte die
Liebe, die sie empfand, weil sie Ellinor liebte, so sehr liebte, dass es kaum auszuhalten war, still in ihren Armen zu liegen.
   „Djamaliha“, sagte Ellinor.
   „Was?“
   „Djamaliha.“
   „Was heißt das?“, fragte Merle.
   Statt einer Antwort strich Ellinor ihr mit zwei Fingern über die Augenbraue, die Wange, die Nase, den Mund. Ihre Lippen folgten der Spur, die die Finger vorgezeichnet hatten. Es waren unglaublich weiche Lippen. Und trotzdem sandte jede einzelne Berührung dieser Lippen kleine Blitze durch Merles Körper, die richtig weh taten und gleichzeitig verrückter Weise das Schönste waren, das sie je empfunden hatte. Im Kuss, der wie ein leichter Sommerregen dem Blitzgewitter folgte, begriff sie: Djamaliha war das Wort, von dem Ellinor vorhin gesprochen hatte, als sie gesagt hatte, manchmal denke sie, man müsse ganz von vorn beginnen.
   „Djamaliha“, wiederholte Merle leise. Indem sie es aussprach, stieg Jesus vom Kreuz herab, und die Last der Welt hob sich von seinen Schultern. Und es stieg Gottvater von seinem goldenen Himmelsthron, verlor Haar und Bart, das wallende weiße Gewand. Sie zerflossen einfach und wurden zu Djamaliha, zu allem, was Merle und Ellinor umgab: Zum Rascheln der Halme, zum Knistern der Käfer unter den Blättern, zum Rufen einer Eule in weiter Ferne, zum kühlen Tau, der zu fallen begann. Und nicht nur das. Djamaliha war auch Ellinors Haar und Haut und Augen. Djamaliha war Merles Herz, das all dem zuflog.

 

 

Auszug aus Vogel sein. Roman

Ein Verlangen nach braunen Vorhängen und dem Keifen seiner Großmutter durch den Hausflur, wenn jemand, statt sie zuzuklinken, unten die Tür ins Schloss
warf, überfiel ihn wie Durst im Traum, der sich mit geträumtem Wasser nicht löschen lässt, weil er wirklicher ist als dieses. Als Stefan durch die Straßen rannte, heulte er, zum einen vor Sehnsucht, zum anderen, weil das, wonach er sich sehnte, so erbärmlich war. Er wünschte sich nichts anderes, als in jene Gefüge zurückzukehren, in die seine Großmutter ihn jahrelang gezwängt hatte: ihre ganz eigenen Vorstellungen von einem Enkel. Sie hatte ihn gepflanzt und gezogen. Ohne sie aber knickte er ab, ein langstieliges Gewächs, das plötzlich allein aufrecht stehen sollte, obwohl es sein ganzes Leben lang an einen Stock gebunden war. Das war keine Freiheit mehr. Die Großmutter hatte ihn im Stich gelassen.
   Er flog an Türen vorbei, die sich gerade öffneten, zweiflüglige Rundbogentore aus Holz oder neue weiße Haustüren mit einem Rechteck aus gewelltem Glas in der Mitte. Eine Frau schob einen Kinderwagen auf den schmalen Fußweg, Stefan wich auf die Straße aus. Er lief neben den Straßenbahnschienen entlang. Ihre Geradlinigkeit zwang ihn geradezu, in immer gleichbleibendem Abstand eine zu ihnen parallel verlaufende Spur zu verfolgen. Ein Auto hupte, ein zweites. Jemand zeigte ihm im Vorüberfahren einen Vogel. Die Farben der Häuserfassaden, beige, weiß, mintgrün, blassorange, hellblau, flossen ineinander und wurden zu dem hellen dreckigen Grau von Schimmelpilzen, das Stefan mehr schmeckte als sah. An einer Straßenkreuzung stand ein älterer Herr in einem Pelzmantel und führte, wenn Autos bei seinem Anblick langsamer wurden, seine Hand zum Mund, als rauche er. Die verneinenden Handbewegungen der Fahrer wischten den Zigarettenschmuggler weg, öffneten den Blick auf eine Gestalt, die von Kopf bis Fuß in ein schwarzes Tuch gehüllt die Straße überquerte. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt schien eine dreieckige Öffnung für Nase und Augen zu sein. Es waren Augen, aus denen die Anstrengung sprach, die Gegenwart zu durchstoßen und vorzudringen zu dem einen wahren
Bild, das als Echo der inneren Wirklichkeit dieser Frau gelten konnte. Sie war durch und durch fremd in diesem Ausschnitt von Zeit und Raum, den sie mit Stefan teilte, und schien trotz all ihrer Bemühungen nicht mehr zu finden, wonach sie suchte, als sei eine der wesentlichsten Erinnerungen ihres Lebens ausgelöscht.
   Genau, dachte Stefan, genau das ist es... Er lief weiter, die Häuser schienen breiter zu werden, höher und klobiger. Aber es täuschte, denn nur die Straßen verengten sich und der Streifen Himmel über dem Geflecht von Straßenbahnleitungen wurde schmaler. In den Seitenstraßen war Stefan allein mit den Gerüchen aus den Küchen der Gaststuben und den feuchten Kellern der Häuser. Der Fußweg war von Hundedreck gesäumt. Windböen trieben eine leere Bierdose vor sich her, die scheppernd über die ebenso leere Straße rollte.
   Nach und nach passten sich die Häuser den Straßen an, wurden niedriger, vereinzelten sich, der Himmel weitete sich wieder und ein Schwarm Krähen hatte darin Platz. Es roch nach Erde, nach Wasser, nach nassem Holz. Die Tauben auf den Mauervorsprüngen trugen hier draußen Ringe an den Füßen.
   Als Stefan das Grab seiner Großmutter zwischen den vielen anderen fand, wurde es dämmrig. Jetzt, da er ruhig stand, begann er zu frieren. Er blickte auf ihren Namen, und es war ihm, als läse er ihn zum ersten Mal. Er versuchte vergeblich, ihn mit dem Bild seiner Großmutter in Einklang zu bringen, so wie er sie am Fenster stehen sah, wenn er von der Schule kam: die Hände in weißen Schürzentaschen, reglos. Ihre Haare wucherten in unechten Locken über die Zinnen des Turms von Kopf und Hals. Sie war unförmig gewesen wie ein riesenhaftes aufrechtes Meerschweinchen. Rosemarie Grasshoff.
   Sogar in diesem abgelegenen Bezirk gingen die Straßenlaternen an. Auf dem Friedhof wurde es
dunkler, und die Stille belebte sich mit
Vogelstimmen. Stefan wartete. Er wartete darauf, dass etwas geschah. Er hatte das Gefühl, seine Großmutter sei es ihm schuldig, zu erscheinen. Er dachte sie sich nicht als Geist. Er dachte überhaupt nicht
daran, wie es geschehen könnte. Sie sollte einfach mit ihm reden, sollte ihm sagen, was zu tun war. Aber sie kam nicht, und er begann vor Kälte zu zittern.
   Er hörte eine Stimme, die über den Friedhof rief, dass jetzt geschlossen werden solle. Um zu sehen, wer das war, der Feierabend machen wollte, ging Stefan einen Schritt rückwärts und stieß dabei mit dem Fuß eine Vase um, die jemand am Wegrand vergessen hatte. Trotz der Dunkelheit konnte er erkennen, dass das heraus fließende Wasser den Sand einfärbte, dort, wo das kleine Rinnsal an seinen Schuhen vorbei lief. Die Blumen lagen, zum Fächer ausgebreitet, mit ihren welken Köpfen im Dreck.
   Je länger er sie ansah, um so weniger konnte Stefan demjenigen verzeihen, der sie geschnitten hatte, um sie einem Toten aufs Grab zu stellen. Kein Toter hatte etwas von den Blumen auf seinem Grab, aber die Blumen vergingen, verloren die Blütenblätter und wurden auf dem Weg zu den Abfalltonnen am Wegrand vergessen.
   Stefans Wut auf Menschen, die Toten Blumen schenken, auf seine Großmutter, weil sie tot war und nicht sprach und überhaupt die Schuld daran trug, dass er hier war und all diese Gedanken hatte, suchte ein Ventil und richtete sich schließlich gegen die Opfer selbst, denen Stefans ganzes Mitgefühl galt, gegen die welken Blumen auf dem Weg. Er trat sie mit den Füßen tiefer in den Dreck, stampfte sie ein und zermalmte bis zur Unkenntlichkeit mit der Schuhspitze die Blütenblätterreste. Als es hier nichts mehr zu tun gab, wandte er sich den Gräbern zu. Wo er eine Vase fand, warf er sie um oder zerschlug sie. Er begann frisch gepflanzte Primeln auszureißen und Gras in fetten Büscheln. Er zerrte an Efeuranken und schlug mit einem großen Stein auf Grabinschriften
ein. Er trat ein schiefes Kreuz um, neben dem ein gelbes Schild stand mit der Aufschrift: Unfallgefahr! Bitte melden Sie sich bei der Friedhofsverwaltung! Dann hieb er auf eine steinerne Feder aus dem Flügel eines lesenden Engels ein, den Welt und Tod nicht zu kümmern schienen. Mitten in der Abwärtsbewegung fasste eine Hand Stefans Arm, der jedoch so schwungvoll niederging, dass er die fremde Hand mit trug bis zum Ende. Und die Feder fiel, ohne dass der Engel von den Seiten seines Buches aufgeblickt hätte.

Aktuell
Komm_segeln_wir

erscheint im Herbst 2019
auf Niederdeutsch/Hochdeutsch
im Quickborn-Verlag
Kumm, wi sägeln!